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Sonntag, 29. Januar 2012

Sehen

Meine Iris ist nahe der Pupille ein klein wenig hellbraun und geht rasch über in schönes Olivgrün, und weiter in dunkles Grau, was bei manchem Licht wie Smaragdgrün wirkt. Keine Ahnung, wieso mir erst vor kurzem gesagt wurde, ich hätte blaue Augen. Vielleicht lag es am Licht?

Als ich klein war, habe ich aus unerklärlichen Gründen aufgehört, mit dem rechten Auge zu schauen. Ich hatte es zwar geöffnet, aber das linke Auge hat die Welt in sich aufgenommen. So ist die Sehfähigkeit meines rechten Auges immer schwächer geworden. Angeblich bin ich fast erblindet - aber das glaube ich nicht. Ich musste dann ständig mein linkes Auge abkleben, um das rechte wieder zu trainieren. So konnte es auch wieder etwas zu Kräften kommen. Aber dennoch sieht die Welt rechts für mich verschwommen aus, wie durch Milchglas, nur grobkörniger - pixeliger. Das kann auch seinen Vorteil haben. Wenn mein Freund mich mal wieder ausgetrickst hat, und wir "versehentlich" einen grauslichen Horrorfilm schauen und ich keine Kontaktlinse trage - dann mach ich bei den schlimmen Szenen das linke Auge zu. Aber mein rechtes Auge will immer noch nichts sehen. Ich ertappe mich dabei, dass mein rechtes Auge immernoch für beide sieht - auch wenn ich rechts eine Kontaktlinse trage und links nicht, und somit rechts schärfer sehen würde. 

Es ist schwer abnorme Gewohnheiten abzulegen, wenn sie einen schon jahrelang begleitet haben und man sie für völlig normal hielt. Auch wenn man weiß, dass es nur zum eigenen Vorteil wäre. Es passiert. Von selbst. Man muss sich immer wieder bewusst machen, was man falsch macht. Sich sagen, wie es richtig wäre. Es ausprobieren. Sich konzentrieren. Durchhalten. Und trotzdem passiert es immer wieder...

Was will ich nicht sehen?

Die rechte Körperhälfte steht für das Männliche. Symbolisiert somit Verstand und Logik. Aber das wäre zu einfach. Yin und Yang sind im Fluss. Ebenso sollten es auch die männlichen und weiblichen Anteile sein, was uns übrigens auch zu C.G. Jung und den Archetypen - Anima und Animus - führt. Verglichen mit Yin und Yang bedeutet das, dass nach einer Hochphase von Yang ein Absinken folgt und Yin ansteigt. Ausgeglichenheit. Gleichklang. Einssein.

Ich scheue mich davor, meinem Verstand mehr Wert beizumessen, als meinem Herzen. Ich folge nicht der Logik. Ich folge dem Gefühl. Ich analysiere, und werde doch weich. Ich putze das Fenster und hauche es doch immer wieder an, so dass es anläuft.

Doch wie soll man Herz und Verstand dazu bringen, Hand in Hand zu gehen?

Alles Liebe,
Mimi.

Mittwoch, 25. Januar 2012

Reinen Tisch machen

Ein Halbschlafhalbwachtraum:


In einem kleinen dunklen Raum standen bloß zwei Tischchen - eng beeinander. Der linke Tisch war klein. Gerade zwei Leute konnten daran Platz nehmen, jedoch nicht ohne unter dem Tischchen mit den Knien aneinander zu stoßen. Auf dem Tisch befand sich eine alte Weinflasche, die als Kerzenständer diente und somit wurde der Tisch in flackerndes Kerzenlicht getaucht. Das Wachs der Kerze war über die Flasche bis auf die rot-weiß-karierte Plastiktischdecke gelaufen. Zwei leere, mit Soße verschmierte Teller, auf denen das Besteck sauber abgelegt war, warteten darauf, abgeräumt zu werden. Ebenso wie die beiden langstieligen Weingläser. Der rechte Tisch war groß. Mindestens acht Leute konnten sich an diesen Tisch setzen. Ursprünglich war der Tisch weiß gewesen, doch das Plastik hatte sich leicht gräulich verfärbt. Keine Tischdecke bedeckte die Flecken. Dafür stapelten sich unzählige Teller und Schüsseln und Trinkbecher. Das Besteck lag wild verstreut herum. Das Chaos wurde von einer grellen Deckenleuchte bestrahlt. Zwei der Stühle, die sich um den Tisch reihten, waren umgestoßen worden.

Endlich schlurfte ein Kellner herbei. Er war schon recht alt und humpelte ein wenig, da er das rechte Bein nicht ganz belasten konnte. Seine spärlichen Haare waren ergraut, seine wässrigblauen Augen sahen müde aus. Auf der linken Seite seines Fracks befand sich ein Fleck, in etwa auf der Höhe des Herzen. Er machte sich am großen Tisch zu schaffen, stapelte die Stapel übereinander. Schließlich verfrachtete er die Unmenge an Tellern und Schüsseln und Trinkbechern und Besteck auf den kleinen Tisch. Dieser ächzte unter der Last, nahm seine Bürde aber tapfer auf sich. Der alte Mann wischte flüchtig mit einem gelben Lappen über den fleckigen großen Tisch und zog wieder von dannen. Nach einer Weile kehrte er mit einem Servierwagen wieder, der mit sauberem Geschirr und Besteck beladen war. Er deckte den großen Tisch ein, mehr schlecht als recht, und ging mit dem leeren Servierwagen im Schlepptau, wieder fort.

Der kleine Tisch schien vergessen.


Alles Liebe,
Mimi.

Montag, 2. Januar 2012

1000 Worte über die Wahrheit

Manchmal träume ich so intensiv, dass ich mich nach dem Aufwachen nur schwer zurechtfinde und mich noch schwerer von meiner Traumwelt trennen kann. So habe ich meinen Traum heute in einem Dialog weitergesponnen, als ich ihn längst hätte hinter mir lassen sollen. Ich war wie in Trance, als ich schrieb...


„Ich töte nur aus Rache, oder wenn ich keinen anderen Ausweg sehe.“
„Aber du hast mich nicht getötet.“
„Weil ich einen Ausweg wusste.“
„Aber dort hätte er gelauert.“
„Er hätte mir nichts getan. Er ist mein Freund.“
„Wie kann er dein Freund sein, wenn du seine Sprache nicht sprichst.“
„Wir verstehen uns auch ohne Worte.“
„Ein Freund hätte dir beigestanden.“
„Ihr wart zu viele.“
„Einen wahren Freund hält das nicht auf.“
„Könnte er Steine werfen, oder Speere, so wie ich es kann, so hätte er keine Sekunde gezögert, dies zu tun. Doch um seine Klauen und Zähne zu zeigen, hätte er sich aus dem Dickicht wagen müssen und da hättet ihr ihn getötet. Er hätte mir nicht helfen können.“
„Du verzeihst ihm also.“
„Es gibt nichts zu verzeihen. Ich wäre ihm böse gewesen, hätte er die Dummheit begangen, sich euch in den Weg zu stellen, wobei sein Tod und meine Gefangenschaft sicher gewesen wären.“
„Du bist nicht gefangen.“
„Ich bin hier, nicht?“
„Ich wollte dich nicht sterben lassen.“
„Meine Hände sind gefesselt.“
„Sie haben Angst vor dir.“
„Und darum halten sie mich gefangen.“
„Du bist nicht gefangen. Ein Wort von dir, und ich bringe dich zurück.“
„Warum habt ihr mich angegriffen.“
„Wir wollten dich nicht angreifen. Wir wollten ihn. Doch du hast uns bedroht.“
„Weil ich es konnte. Ich musste ihn beschützen.“
„Und er ließ dich im Stich.“
„Nein. Er hat keine Arme und nicht die Worte, die es ihm möglich gemacht hätten, mir auf dieselbe Weise zu helfen.“
„Du bist gut.“
„Und du?“
„Was meinst du?“
„Bist du gut?“
„…“
„Du scheinst keine Antwort zu finden. Dabei kann ich sie in deinen Augen lesen. Du hast ein gutes Herz. Ich weiß, dass ihr Hunger habt. Ich weiß, dass du nicht der Anführer der Jäger bist und nicht die Entscheidungen triffst. Ich weiß, dass du mich nur angegriffen hast, weil du Angst hattest, hätte es ein anderer getan, er hätte mich getötet. Ich weiß, dass du meine Hände nicht gefesselt hättest. Du hast einen gutmütigen Blick. Deine Aura ist hell und freundlich. Warum nur gibst du dich mit ihnen ab?“
„Weil ich hier sicher bin.“
„Wie kannst du dich sicher fühlen, in Mitten von diesen Biestern.“
„…“
„Verzeih. Ich weiß, dass nicht alle so sind. Aber jeder Blick, der mir begegnet, strahlt Angst aus. Manchmal sogar Wut und Hass. Kaum jemand empfindet Mitleid. Und niemand sieht mich so besorgt an, wie du. Das Dorf, wie ihr euch nennt, ist düster und kalt, weil ihr es düster und kalt sein lasst.“
„In diesen Zeiten ist es schwer, Freude zu empfinden.“
„Ist es auch schwer, freundlich zu sein?“
„Ja. Das Misstrauen ist zu groß. Jeder hat Angst vor seinem Gegenüber. Nur wenige vertrauen. Und das sind dann auch jene, denen am ehesten zu trauen ist.“
„Ist das nicht die Antwort, auf euer Dilemma?“
„Was meinst du?“
„Würdet ihr einander vertrauen, so könnte man euch trauen. Euer Dorf würde strahlen. Ihr würdet diese Zeiten besser überstehen in einer Gemeinschaft, die zusammenhält.“
„Das Dilemma ist wohl eher der Hunger, als der mangelnde Zusammenhalt.“
„Hunger lässt sich leichter ertragen, wenn man weiß, dass keiner heimlich satt wird, ohne den anderen etwas abzugeben.“
„Wie kann man das wissen. In diesen Zeiten ist sich jeder selbst der Nächste. In Wahrheit würde es wohl jeder selbst so machen, wenn er könnte. Bloß jene, die Kinder haben, würden erst an ihre Kinder denken, und dann an sich. Nein, sogar da kann man nicht sicher sein.“
„Und du sprichst davon, in deinem Dorf sicher zu sein. In soviel Unsicherheit existiert keine Sicherheit.“
„Vielleicht hast du recht. Aber es ist einfacher, als allein zu sein.“
„Ist man allein, dann hat man wenigstens die Sicherheit der Freiheit. Nichts hält dich auf. Du kannst gehen wohin du willst, ohne einen Gedanken daran, dass du jemanden in Stich lässt. Wenn du alleine bist, kannst du niemanden alleine lassen. Es gibt nichts zu bereuen. Und niemanden, der dir Vorwürfe macht. Oder dir vorschreibt, was du zu tun hast. Was ist also falsch daran, allein zu sein?“
„Man ist einsam.“
„Man hat sich selbst – oder man kann sich selbst finden. Und man stößt auf Wegbegleiter. Dann ist man vorübergehend nicht allein. Da erkennt man die Vorzüge des Allein-seins.“
„Also wärst du lieber ohne deinen Freund gewesen?“
„So müsste ich mir jetzt keine Sorgen um ihn machen. Dein Dorf wird ihn weiterjagen. Und niemand wird ihn mehr beschützen.“
„Dann bist du wieder allein.“
„Ja. Aber ich hätte Schuldgefühle.“
„Warum? Du hast doch versucht ihn zu schützen.“
„Es sind meine Artgenossen, die zu Bestien werden.“
„Aber er jagt doch auch, wenn ihn der Hunger quält.“
„Ja. Aber aus den Augen deines Anführers spricht nicht der Hunger, sondern reine Mordgier. Er kann seine perversen Gelüste ausleben unter dem Vorwand, Fleisch für sein Dorf zu jagen.“
„Du denkst sehr schlecht von meinem Dorf.“
„Zu viele böse Geister stecken in den Köpfen dieser Menschen.“
„Aber doch nicht in allen.“
„Nein. Aber deine Worte zeigen mir, dass du den Unterschied zwischen den guten und den bösen spüren kannst. Du musst nur auf dein Herz hören. Meistens ist es klüger, als das Gewissen.“
„Ich habe meinem Herzen bisher nur dann vertraut, wenn es der gleichen Meinung war, wie mein Verstand.“
„Bisher?“
„Ja. Denn heute war mein Verstand dagegen, dass ich mit dir spreche, und ich habe dennoch auf mein Herz gehört.“
„Bereust du es?“
„Nein. Ich fürchte, wovon du sprichst, entspricht der Wahrheit.“
„Immer.“
„…“
„Du wirst sehen.“
„Ja. Vielleicht werde ich das.“
„Wenn du mir vertraust.“
„Was erwartest du von mir?“
„Dass du mir vertraust.“
„Das ist noch nicht alles, nicht wahr?“
„Geh mit mir.“
„Du willst gehen?“
„Sagtest du nicht, ich wäre nicht gefangen?“
„Ja.“
„Dann lass uns gehen.“
„Aber welche Wahrheit könnte ich dann erkennen? Wir würden weder allein sein, noch würde es beweisen, dass mein Dorf eine dunkle Aura umgibt.“
„Ich werde dich andere Wahrheiten lehren. ..und wir könnten zu zweit allein sein und eine neue Wahrheit entdecken.“
„Eine gemeinsame Wahrheit.“
„Ja, eine gemeinsame Wahrheit.“
„Ja. Lass uns gehen.“


Wer will, darf gerne interpretieren, was dieser "Tagtraum" aussagen könnte :D Meine Gedanken dazu behalte ich für mich. Aber ich würde gerne wissen, was für ein Bild vor eurem geistigen Auge entstand. Wer sind die beiden, wie sehen sie aus, wo befinden sie sich, von wem sprechen sie? Wie stellt ihr euch die Szene vor? Ah, ich platze vor Neugier und hoffe, irgendjemand mag etwas antworten :)

Alles Liebe,
Mimi.

Montag, 26. Dezember 2011

Natürliche Idylle

Da sich vor einigen Tagen auch dieses Türchen bei Venus scribet geöffnet hat, kann ich nun auch meinen 2ten Beitrag hier veröffentlichen:



Schneeflocken beginnen aus allen Wolken zu fallen
Sie segeln durch die Wellen des Windes
Tanzen und wirbeln, jagen und schleichen
Versuchen nahe des Bodens umzukehren
Geben doch auf und legen sich sachte auf die Erde

Wo eben noch ein frischer Schuhabdruck war
Ist nun eine dicke, weiße Decke
Verborgen jede Erinnerung an den stillen Besucher
Der noch vor wenigen Minuten hier gestanden war
Und das Kunstwerk der Natur genoss

Lange war er ruhig verharrt
Seine Tränen drohten auf seinen Wangen zu frieren
Seine Zähne klapperten – doch nicht vor Kälte
Ein Schluchzen unterdrückte er gekonnt, geübt
Wollte er doch die Stille nicht unterbrechen

Er sog die kalte Luft tief ein
Sie brannte in seiner Nase, in seinem Kopf
Doch er nahm es kaum wahr
Er blickte auf den See, der vor ihm lag
Friedlich und stark sah er aus
Als könnte er einen Bären tragen

Er setzte einen Fuß vor den anderen
Verfolgte seine Schritte mit seinem Blick
Langsam, zögerlich schlich er voran
Seine Zehen waren starr vor Kälte

Am Ziel angelangt hob er vorsichtig den Kopf
Ja, hier wollte er sein
Er blickte gen Himmel und sah sie endlich vor sich
Inmitten aller Schneeflocken tanzte sie mit dem Wind
Mit der Liebe, dem Leben und dem Tod



Alles Liebe,
Mimi.

Montag, 12. Dezember 2011

Die Frage

Sagte der Mönch: "Woher kommen diese Berge und Flüsse und die Erde und die Sterne?"
Sagte der Meister: "Woher kommt deine Frage?"

Blicke in dich!

(aus dem Buch "Warum der Vogel singt - Weisheitsgeschichten" von Anthony de Mello)


Weil wir die Antworten immer in uns finden. Wenn wir ehrlich zu uns sind. Traust du dich? Dann blicke in dich.

Alles Liebe,
Mimi.

Montag, 5. Dezember 2011

Eine Reise in die Vergangenheit

Nun, da sich das Türchen bei Venus scribet geöffnet hat, kann und will ich hier meine erste Kurzgeschichte veröffentlichen, abgesehen von jenen, die zu Schulzeiten geschrieben werden mussten. Ich fand das Schreiben sehr befreiend, es hat Spaß gemacht. Ich denke, ich sollte öfters mal eine Kurzgeschichte schreiben.

Eine Reise in die Vergangenheit - als Wünsche noch wahr wurden

Sie hält an.
Der Einkaufswagen vor ihr ist noch fast leer. Sie wirft einen Blick auf ihre Liste. Milch, Eier, Wein und Fisch – oder doch Hühnchen. Milch und Eier hat sie schon. „Karl hätte Fisch gewollt.“, fährt es ihr durch den Kopf. Sie beschließt, keinen tiefgekühlten zu nehmen. Sie wird später noch zu dem kleinen Fischladen fahren und frischen Lachs kaufen. Den mochte er am liebsten.
Sie schiebt ihren Wagen weiter in die Reihe mit den Süßwaren. Statt einer Tafel nimmt sie drei. Die wird sie brauchen. Dasselbe Gefühl der Notwendigkeit überkommt sie, als sie sich für Grünen Veltliner entschieden hat. Also nimmt sie auch davon eine zweite Flasche.
Als sie durch den Schnee zu ihrem Auto stampft, fällt ihr Blick auf eine Frau mit zwei kleinen Kindern, die fröhlich um die Frau herumspringen und sich gegenseitig mit Schneebällen bewerfen. Sie empfindet Wehmut und Sehnsucht. So etwas wird sie wohl nie erleben. Oder doch? Nein, wie könnte sie.
Auf dem Heimweg stellt sie sich vor, wie es wäre, wenn Karl noch bei ihr wäre. Ob sie denn auch Kinder bekommen hätten? Ein entzückendes Mädchen mit zwei kleinen Zöpfchen hatte er sich gewünscht. Aber sie wollte noch nicht. Sie wollte Karriere machen. Naja, zumindest ein bisschen. Nicht immer nur die sein, die den Kaffee bringt und Kopien macht. Sie hatte viel mehr drauf. Und das wollte sie beweisen. Damals. Heute macht sie gerne Kaffee. Da kann sie sich wenigstens in ihren Erinnerungen verlieren.
Und wieder stellt sie sich vor, wie sie mit Karl unter einem prächtigen Christbaum kniet und sie beide ihr kleines Mädchen mit den Zöpfen umarmen, während ihr alter CD-Player die Töne von „All I want for Christmas“ ausspuckt. Sie liebt diesen Song. Damals, als sie ihr erstes gemeinsames Weihnachtsfest in einer Karaoke-Bar verbracht hatten, hatten sie diesen Song im Duett gegrölt. Absurd, wie sie heute fand. Karl hatte seine Eltern nie kennen gelernt. Sie hatte sich mit ihrem Vater gestritten und sich so geweigert, Weihnachten mit ihrer Familie zu verbringen. Die Karaoke-Bar war an jenem Abend der einzig richtige Ort gewesen. Es war laut und lustig – und es gab reichlich zu Trinken. Anstatt zu Hause über einander herzufallen, musste Karl sie in die Wohnung tragen. Am nächsten Tag weckte er sie mit einem Kuss. Sie erinnert sich genau, wie elend sie sich fühlte. Und dennoch liebt sie diese Erinnerung. Diese Erinnerung ist einer ihrer kostbarsten Schätze. Ihr Karl war so zärtlich und liebevoll gewesen. Sie war wunschlos glücklich.

Sie hält an.
Glücklicherweise war eine Abfahrt zu einer Raststätte aufgetaucht, kurz nachdem sie ihr Handy piepsen gehört hatte. Der Scheibenwischer streift scheinbar endlos die dicken Schneeflocken zur Seite. Ach, hätt er doch damals auch angehalten. Sie dreht den Radio leiser und hört gerade noch, wie Mariah Carey zu singen beginnt. Nun steht sie also auf dem Parkplatz und kramt nach ihrem Handy. Ihr Schwager hat eine SMS geschickt. Es ist soweit! Aufgeregt wählt sie seine Nummer.
„Ein Mädchen, es ist ein Mädchen!“ Sofort macht sie sich auf den Weg. Eine Prinzessin! Sie hatte es geahnt. Ihre Schwester wollte sich ja überraschen lassen, aber sie hatte es immer gespürt. Vor dem Haus ihrer Schwester steht schon der Wagen ihres Vaters. Eine dünne Schicht von Schnee hat sich auf das Dach des Autos gelegt. Sie freut sich darauf, ihre Eltern zu sehen, der Streit ist schließlich aus dem Weg geräumt worden.
Als sie ins Wohnzimmer kommt, sieht sie nur strahlende Gesichter. Sie lassen sie durch zu ihrem Schwager, der die Kleine auf dem Arm hält. Ihre Schwester ist nicht im Raum. Die Hausgeburt hat sie erschöpft.
Plötzlich zwinkerte sie dieses kleine Wesen aus seinen verschlafenen Augen an. Sie ist wunderschön. „Wir nennen sie Caroline.“, unterbricht ihr Schwager die Stille, schenkt ihr einen mitfühlenden Blick und reicht ihr die Prinzessin. Ihr dankbares Lächeln gilt nicht nur ihrem Schwager. Ein Gefühl der Glückseligkeit überkommt sie, als sie den kleinen Körper in ihren Händen hält. Der Name hallt in ihren Gedanken nach. Caroline… Caroline öffnet ihr winziges Mündchen und gähnt. Sie ist das Schönste, was sie je gesehen hat. Karl hätte sie geliebt.

Sie hält an.
Seit einer gefühlten Ewigkeit zappt sie nun schon durch die Kanäle des Krankenhausfernsehers. Bloß Weihnachtsschnulzen. Sie zappt weiter. Den Fernseher auszuschalten wagt sie nicht. Sie fürchtet sich vor der Einsamkeit, die sie dann heimsuchen würde. „Mein einziger Weihnachtswunsch…“, setzt sie an.
Sie hat ihn verloren. Der Mensch, der sie verstand, wie kein anderer, ist nicht mehr bei ihr. „Karl..“, haucht sie, bevor sie ihr Gesicht schluchzend in ihrem Kopfkissen vergräbt.
Als ihre Eltern den Kopf zur Tür reinstecken, ist sie eingeschlafen. Ihre Mutter streicht ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihr Vater hält ihre Hand. Blinzelnd öffnet sie die Augen. Sie lächelt schwach, bevor sie die Lider wieder senkt und weiterschläft.

Sie hält an.
Unter ihren Füßen knirscht der Schnee. Eine sternklare Nacht. Sie will sie genießen. Sie blickt gen Himmel und sucht nach Sternbildern – obwohl sie nach wie vor keine Ahnung davon hat. Er hat schon so oft versucht, ihr die Sterne näher zu bringen. Immer wieder vergisst sie, was er ihr dazu erzählt. Ihr ist das nur recht, denn so hat sie einen Grund, ihn immer wieder zu Abendspaziergängen zu überreden, sei es auch och so kalt.
„Zeig sie mir nochmal!“, bittet sie ihn und folgt mit ihrem Blick dem Rauch, der ihre Worte in die Luft malt. Doch als er zu erklären beginnt, hört sie nicht, was er sagt. Nein, sie lauscht nur dem Klang seiner Stimme. Sie ist so weich und klar. Für einen Augenblick schließt sie die Augen und lässt sich von der melodischen Sprechweise berauschen. Sie schlägt die Augen wieder auf und folgt seinen Fingern, die ihr die Richtung weisen, in welcher sich der Große und der Kleine Wagen befinden.
„Wunderschön.“, seufzt sie, und meint damit das Lächeln, dass er stets im Gesicht trägt, wenn er von den Sternen spricht. Er begreift und blickt sie an.
„Ich liebe dich.“, flüstert sie zaghaft und nimmt seine eiskalte Hand. Sanft drückt er die ihre, zieht sie zu sich und küsst sie auf die Stirn. „Und ich dich, mein Engel.“, erklingt seine schönste Melodie. „Und ich dich.“
Dann gehen sie weiter. Ihr einziger Weihnachtswunsch ist wahr geworden.


...zwischen den Zeilen lesen..

Alles Liebe,
Mimi.

Freitag, 4. November 2011

Es war einmal...

Einst fielen die Sterne vom Himmel.
Bis der Himmel kahl wurde.
Ein Mädchen sammelte sie alle ein.
Sie warf sie wieder zurück.
Seither bleiben sie am Himmelszelt stehen.
Kaum jemand vermag sie herunter zu fischen.
Doch du hast es mir versprochen.
Hast gesagt:
"Ich hole dir die Sterne vom Himmel."
Ich warte darauf.
Irgendwann wird es dir gelingen.
Denn ich weiß, du wirst alles dafür geben.
Und eines Tages, wenn wir nicht darauf achten,
wird dein Herz so mächtig sein,
einen Stern anzulocken.
Und er wird fallen.
Mir auf den Kopf knallen.
Und ich werde schwach in deine Arme sinken.
Den Blick verträumt auf dich lenken.
In deinen Augen eintauchen.
Mit deiner Seele um die Wette schwimmen.
Und Hand in Hand nach Hause gehen.
Mit dir.
Denn wo du bist,
wird zuhause sein.


Alles Liebe,
Mimi.

Dienstag, 30. August 2011

In den Raum gefragt

Verständnis ist Mangelware
heutzutage,
so scheint es,
ist nun das Gegenteil -
das Missverständnis -
stark vertreten,
vorherrschend,
doch kaum betreten,
verlegen
sind jene,
denen es an Verständnis mangelt,
jedoch beschämend
verhalten sie sich gegenüber
den Missverstandenen,
ohne zu fragen,
wieso, weshalb, warum
sie missverstanden wurden -
und überhaupt:
Wo bleibt denn der Verstand?

Ich schäme mich beinahe für all die kopflosen Geister der Zeit, die ohne zu überlegen, ichbezogen durch die Welt wandeln,das Herz verschlossen vor anderen Gefühlen, den Blick gesenkt vor fremden Ängsten und ohne Frage nach der Herkunft unbekannter Wut. Ich, ich, ich.

Was du sagst, trifft mich. Was du tust, verletzt mich. Ich, ich, ich. Wieso, weshalb, warum du das sagst und tust, interessiert mich, mich, mich nicht.

Du kämpfst? Du bist verzweifelt? Du willst in die Welt hinausbrüllen um endlich gehört zu werden? Dann tu das bitte, ohne mich zu stören.

Du sprichst anders als ich. Das stört mich. Dein Humor ist so witzlos. Das stört mich. Dein Intellekt lässt zu Wünschen übrig. Das stört mich. Dein Erfolg ist nicht genug - für mich. Das stört mich. Du bist ein Streber. Das stört mich. Du siehst anders aus als ich - zu dick, zu dünn, zu schwarz, zu weiß, zu brav, zu wild. Das stört mich.

Und ich? Ich bin perfekt. Bin ich das? Oder nicht? Ich frage mich lieber nicht danach. Ich bin's einfach.

---

Doch in Wahrheit bin ich gar nicht anders. Denn all die zweifellosen Gesichter, die keine Fragen stellen, tja die, die stören mich.

Diese Leere, diese Anteilnahmslosigkeit, dieses Desinteresse an unseren Mitmenschen - Fremde, Kollegen, Großeltern, Enkel, Eltern und sogar die eigenen Kinder (!) - ja, dieses Unverständins und diese Verschlossenheit vor allem, was man nicht versteht, das regt mich auf.

Alles Liebe,
Mimi.

Und: Ich will keine Heuchlerin sein. Ich verstehe auch nicht alles. Ich bin auch nicht offen für alles. Es gibt viel zu viele Themen, wo sich bei mir der Spaß aufhört, worauf auch ich zugeknöpft reagiere. Nur so am Rande...

Mittwoch, 17. August 2011

Fräuleins!

Meine Lieben, meine herzallerliebsten Fräuleins,


glaubt ja nicht, dass ich euch nicht kenne! Ich weiß, wer ihr seid. Ihr seid Indianer und Prinzessinnen, Helden und Traumtänzerinnen! Ihr seid Töchter, Mütter, Freundinnen, Geliebte. Ihr seid tapfer und stark, anmutig und schön, mutig und klug, verträumt und verspielt. Und ihr lacht so wunderschön! Und wenn ihr tanzt, euch ganz schnell im Kreis dreht, dann seht ihr Sterne vor den Augen und vergesst für einen Augenblick die ganze Welt.

Aber manchmal vergesst ihr, wie stark und klug ihr sein könnt. Manchmal vergesst ihr, zu lachen.

Denn manchmal ist da jemand, der euch ein Bein stellt, oder euch gar umstößt, sodass ihr hinfallt und euer Knie blutet. Die Indianer unter euch begnügen sich damit, dass sie etwas Spucke drauftun, die Prinzessinnen dürfen sich ein Pflaster gönnen. Aber dann steht ihr wieder auf und geht weiter! Auch wenn ihr anfangs etwas humpelt, egalt, hauptsache weg von der Unfallstelle. Denn wenn ihr erstmal ein Stück weg seid, dann könnt ihr sicherlich wieder lachen. Bloß nicht stehenbleiben oder gar liegenbleiben!

Denn ihr habt soviel, was euch glücklich machen kann. Was DICH glücklich macht - wenn du nur mal eben die Gewitterwolke über deinem Kopf wegpustest. Denn hast du dir nicht gerade erst ein wunderschönes Kleid gekauft, in dem du - und Eigenlob ist erwünscht! - einfach fantastisch aussiehst? Und hast du nicht die allerbeste Freundin überhaupt? Und hast du nicht erst vor kurzem - unerwartet oder erwartet - grandiosen Erfolg in der Schule gehabt bzw. deinen Uniabschluss mal ebenso gemeistert - und gleich darauf einen tollen Job ergattert? ... gibt es nicht so vieles, und noch viel mehr, was dich zum Lächeln bringen könnte?

Dann los, puste die Gewitterwolke weg. Jetzt sofort. Ja, tu es - puste einfach mal in die Luft!!

Und dann, gleich danach, sofort!! schnappst du dir den ersten Song, der dir einfällt, drehst ihn laut auf und tanzt jetzt einfach los! Keine Ausreden! Jeder hat das schon mal gemacht. Einfach lostanzen! Und dreh dich, bis du Sterne siehst! Und lach einfach laut los!

Das wünsch ich mir von dir.


Alles Liebe,
Mimi.

PS: Ich mein es ernst - ich wünsch mir das wirklich!!! Hast du's getan??

Montag, 25. Juli 2011

Man muss die Toten nicht kennen

Man muss die Toten nicht kennen,
um um sie zu trauern.

Wir haben uns nicht gekannt. Obwohl wir doch eigentlich Blutsverwandte sind. Obwohl es doch eigentlich naheliegend gewesen wäre, dass er sich für meine Familie interessiert. Aber nein, wir kannten uns nicht.
Und jetzt lacht er mich vom Parte-Zettel aus an, gesund und agil. Er lächelt von diesem Stück Papier, als wollte er mir etwas sagen. Mir ganz persönlich. Doch ich kann mich nicht erinnern, wann er zuletzt, ein Wort an mich richtete. Ob er es überhaupt tat. Auf einen Toten wütend sein? Wozu?

Hat er mich allein gelassen? Hat ermich im Stich gelassen? Kann man jemanden im Stich lassen, mit dem man nichts zu tun hatte? Hat er mich verlassen? Obwohl er nie bei mir war?

Man muss die Toten nicht kennen,
um um sie zu trauern.

Ich bin nicht allein. Auch nicht im Stich gelassen worden. Aber verlassen hat er mich. Denn mit ihm ist auch die Möglichkeit gegangen, dass wir uns doch noch kennen lernen könnten. 

Man muss die Toten nicht kennen,
um um sie zu trauern.


~°~°~°~°~°~°~°~°~°~°~°~°~°~°~

Außerdem gedenke ich den norwegischen Opfern. Wie kann jemand so grausam sein und unschuldigen Kindern das Leben rauben? Arme Seelen, die ihr Leben noch vor sich hatten.

~°~°~°~°~°~°~°~°~°~°~°~°~°~°~

Der Geist des Todes ist der Meister der Tragödie.
Er schreibt Szene um Szene,
Stück um Stück.
In grandioser Grausamkeit diktiert er
seinem Handlanger sein nächstes Opfer.
Und der Mann mit der Sense schlägt gnadenlos zu,
führt seinen Auftrag widerstandslos aus,
holt Seele um Seele.
Kein Entkommen, keine Gnade.
Eine unendliche Geschichte.
Verzweiflung, stumme Schreie, Tränen.
Das Werk des Todes.

Und zurück bleiben die Verlassenen in Trauer, schauriger Erwartung und Angst,
wenn er wiederkommt um seine ewige Arbeit fortzusetzten.

~°~°~°~°~°~°~°~°~°~°~°~°~°~°~

Trotzdem,
Alles Liebe,
Mimi.

Montag, 27. Juni 2011

Vor die Füße gefallen

Jahrelang hat er mich treu begleitet. Er war ein Symbol für Stärke, für Reflexion, für Schutz. Von meinem Freund verhasst, von mir geliebt. Und jetzt ist er mir vor die Füße gefallen.

Er ist einfach zerfallen, regelrecht zersprungen. Mein Ring. Der Ring, den ich erst ablegen wollte, wenn ich bereit bin, mich ewiglich zu binden. Mein Beschützer vor Enttäuschungen, den ich erst ablegen wollte, wenn ich völlig sicher bin, nicht getäuscht zu werden. Mein Begleiter, den ich erst ablegen wollte, wenn ich weiß, dass der Mann an meiner Seite nicht mehr gehen wird.



Er ist einfach von meinem Finger gesprungen. Aber bin ich schon bereit? Es kam so überraschend, und zugleich doch nicht. Für uns 2 war klar, dass wir noch warten möchten, bevor wir uns ewig binden. "Prüfe, wer sich ewig bindet.", heißt es schließlich nicht umsonst. Und Prüfungszeit hatten wir bisher kaum.

Aber er ist der eine. Der, den ich prüfen will. Und das ist schließlich der erste Schritt Richtung Ewigkeit. Also dürfte der Ring zur rechten Zeit zersprungen sein. Bereit zu prüfen, bereit zu binden, bereit mich darauf ein zu lassen - mit Haut und Haar und freiem Ringfinger.

Im ersten Augenblick fühlte ich mich ringfrei nackt. Jetzt fühle ich mich ringfrei gut. Es fühlt sich richtig an. Ich fühle mich jetzt befreit dafür, mein Herz, meinen Geist und meine Seele ganz zu öffnen.  Mein schützender Ring ist zersprungen, weil er spürte, dass es an der Zeit war, mein Herz freizugeben. Als hätte mein Herz fesselnde Ketten gesprengt. Mein Herz ist nicht mehr an mich gekettet. Mein Herz ist frei, um endgültig zu ihm zu gehen.

Alles Liebe,
Mimi.

Donnerstag, 16. Juni 2011

Eine Seele in zwei Körpern

"Freundschaft ist eine Seele in zwei Körpern."
(Aristoteles)

Was wären wir schon ohne einen Freund? Einsam und verloren. Der Mensch braucht Freunde. Wir sind nunmal soziale Wesen, die darauf angewiesen sind. Soziale Isolation führt sogar zu einem rascheren Todeseintritt! 

Freunde sind wichtig, nicht nur, weil sie uns Vertrauen schenken und wir mit ihnen über alles reden können. Freundschaft ist mitunter ein Sinnstifter. Freunde fangen uns auf, wenn es uns schlecht geht. Sie lachen mit uns, wenn wir lachen. Sie weinen mit uns, wenn wir weinen.

"Ein Labyrinth in dem ich gefangen bin.
Links, rechts, geradeaus?
Es ist dunkel, ich weiß nicht, wohin ich laufe.
Du bist das Licht, das mir hilft,
den richtigen Weg zu finden.
Wenn ich weine, trocknest du meine Tränen.
Wenn ich falle, fängst du mich auf.
Wenn ich allein sein will, bist du der Schatten meiner Gedanken.
Wenn ich jemanden brauche, bist du da.
Wenn ich friere, wärmst du mich.
Wenn ich mich ärgere, ärgerst du dich mit mir.
Wenn ich Angst habe, gibst du mir Halt.
Wenn ich im Labyrinth herumirre,
dich nicht sehe
und den falschen Weg gehe,
bist du trotzdem an meiner Seite.
Und du wirst wieder leuchten,
mir den Weg zeigen.
Das Licht unserer Freundschaft,
der richtige Weg."

(für meine Nici)


Das Herz-Armband hab ich von Freunden zum Geburtstag bekommen. Das Kreuz-Armband hab ich bei einem Flohmarkt in Nizza gekauft.


Das schönste Lied zum Thema Freundschaft: You've got a Friend.
Das lustigste Lied zum selben Thema: Friendship is rare.
(Ich liiiebe Tenacious D)

Alles Liebe,
Mimi.