Montag, 2. Januar 2012

1000 Worte über die Wahrheit

Manchmal träume ich so intensiv, dass ich mich nach dem Aufwachen nur schwer zurechtfinde und mich noch schwerer von meiner Traumwelt trennen kann. So habe ich meinen Traum heute in einem Dialog weitergesponnen, als ich ihn längst hätte hinter mir lassen sollen. Ich war wie in Trance, als ich schrieb...


„Ich töte nur aus Rache, oder wenn ich keinen anderen Ausweg sehe.“
„Aber du hast mich nicht getötet.“
„Weil ich einen Ausweg wusste.“
„Aber dort hätte er gelauert.“
„Er hätte mir nichts getan. Er ist mein Freund.“
„Wie kann er dein Freund sein, wenn du seine Sprache nicht sprichst.“
„Wir verstehen uns auch ohne Worte.“
„Ein Freund hätte dir beigestanden.“
„Ihr wart zu viele.“
„Einen wahren Freund hält das nicht auf.“
„Könnte er Steine werfen, oder Speere, so wie ich es kann, so hätte er keine Sekunde gezögert, dies zu tun. Doch um seine Klauen und Zähne zu zeigen, hätte er sich aus dem Dickicht wagen müssen und da hättet ihr ihn getötet. Er hätte mir nicht helfen können.“
„Du verzeihst ihm also.“
„Es gibt nichts zu verzeihen. Ich wäre ihm böse gewesen, hätte er die Dummheit begangen, sich euch in den Weg zu stellen, wobei sein Tod und meine Gefangenschaft sicher gewesen wären.“
„Du bist nicht gefangen.“
„Ich bin hier, nicht?“
„Ich wollte dich nicht sterben lassen.“
„Meine Hände sind gefesselt.“
„Sie haben Angst vor dir.“
„Und darum halten sie mich gefangen.“
„Du bist nicht gefangen. Ein Wort von dir, und ich bringe dich zurück.“
„Warum habt ihr mich angegriffen.“
„Wir wollten dich nicht angreifen. Wir wollten ihn. Doch du hast uns bedroht.“
„Weil ich es konnte. Ich musste ihn beschützen.“
„Und er ließ dich im Stich.“
„Nein. Er hat keine Arme und nicht die Worte, die es ihm möglich gemacht hätten, mir auf dieselbe Weise zu helfen.“
„Du bist gut.“
„Und du?“
„Was meinst du?“
„Bist du gut?“
„…“
„Du scheinst keine Antwort zu finden. Dabei kann ich sie in deinen Augen lesen. Du hast ein gutes Herz. Ich weiß, dass ihr Hunger habt. Ich weiß, dass du nicht der Anführer der Jäger bist und nicht die Entscheidungen triffst. Ich weiß, dass du mich nur angegriffen hast, weil du Angst hattest, hätte es ein anderer getan, er hätte mich getötet. Ich weiß, dass du meine Hände nicht gefesselt hättest. Du hast einen gutmütigen Blick. Deine Aura ist hell und freundlich. Warum nur gibst du dich mit ihnen ab?“
„Weil ich hier sicher bin.“
„Wie kannst du dich sicher fühlen, in Mitten von diesen Biestern.“
„…“
„Verzeih. Ich weiß, dass nicht alle so sind. Aber jeder Blick, der mir begegnet, strahlt Angst aus. Manchmal sogar Wut und Hass. Kaum jemand empfindet Mitleid. Und niemand sieht mich so besorgt an, wie du. Das Dorf, wie ihr euch nennt, ist düster und kalt, weil ihr es düster und kalt sein lasst.“
„In diesen Zeiten ist es schwer, Freude zu empfinden.“
„Ist es auch schwer, freundlich zu sein?“
„Ja. Das Misstrauen ist zu groß. Jeder hat Angst vor seinem Gegenüber. Nur wenige vertrauen. Und das sind dann auch jene, denen am ehesten zu trauen ist.“
„Ist das nicht die Antwort, auf euer Dilemma?“
„Was meinst du?“
„Würdet ihr einander vertrauen, so könnte man euch trauen. Euer Dorf würde strahlen. Ihr würdet diese Zeiten besser überstehen in einer Gemeinschaft, die zusammenhält.“
„Das Dilemma ist wohl eher der Hunger, als der mangelnde Zusammenhalt.“
„Hunger lässt sich leichter ertragen, wenn man weiß, dass keiner heimlich satt wird, ohne den anderen etwas abzugeben.“
„Wie kann man das wissen. In diesen Zeiten ist sich jeder selbst der Nächste. In Wahrheit würde es wohl jeder selbst so machen, wenn er könnte. Bloß jene, die Kinder haben, würden erst an ihre Kinder denken, und dann an sich. Nein, sogar da kann man nicht sicher sein.“
„Und du sprichst davon, in deinem Dorf sicher zu sein. In soviel Unsicherheit existiert keine Sicherheit.“
„Vielleicht hast du recht. Aber es ist einfacher, als allein zu sein.“
„Ist man allein, dann hat man wenigstens die Sicherheit der Freiheit. Nichts hält dich auf. Du kannst gehen wohin du willst, ohne einen Gedanken daran, dass du jemanden in Stich lässt. Wenn du alleine bist, kannst du niemanden alleine lassen. Es gibt nichts zu bereuen. Und niemanden, der dir Vorwürfe macht. Oder dir vorschreibt, was du zu tun hast. Was ist also falsch daran, allein zu sein?“
„Man ist einsam.“
„Man hat sich selbst – oder man kann sich selbst finden. Und man stößt auf Wegbegleiter. Dann ist man vorübergehend nicht allein. Da erkennt man die Vorzüge des Allein-seins.“
„Also wärst du lieber ohne deinen Freund gewesen?“
„So müsste ich mir jetzt keine Sorgen um ihn machen. Dein Dorf wird ihn weiterjagen. Und niemand wird ihn mehr beschützen.“
„Dann bist du wieder allein.“
„Ja. Aber ich hätte Schuldgefühle.“
„Warum? Du hast doch versucht ihn zu schützen.“
„Es sind meine Artgenossen, die zu Bestien werden.“
„Aber er jagt doch auch, wenn ihn der Hunger quält.“
„Ja. Aber aus den Augen deines Anführers spricht nicht der Hunger, sondern reine Mordgier. Er kann seine perversen Gelüste ausleben unter dem Vorwand, Fleisch für sein Dorf zu jagen.“
„Du denkst sehr schlecht von meinem Dorf.“
„Zu viele böse Geister stecken in den Köpfen dieser Menschen.“
„Aber doch nicht in allen.“
„Nein. Aber deine Worte zeigen mir, dass du den Unterschied zwischen den guten und den bösen spüren kannst. Du musst nur auf dein Herz hören. Meistens ist es klüger, als das Gewissen.“
„Ich habe meinem Herzen bisher nur dann vertraut, wenn es der gleichen Meinung war, wie mein Verstand.“
„Bisher?“
„Ja. Denn heute war mein Verstand dagegen, dass ich mit dir spreche, und ich habe dennoch auf mein Herz gehört.“
„Bereust du es?“
„Nein. Ich fürchte, wovon du sprichst, entspricht der Wahrheit.“
„Immer.“
„…“
„Du wirst sehen.“
„Ja. Vielleicht werde ich das.“
„Wenn du mir vertraust.“
„Was erwartest du von mir?“
„Dass du mir vertraust.“
„Das ist noch nicht alles, nicht wahr?“
„Geh mit mir.“
„Du willst gehen?“
„Sagtest du nicht, ich wäre nicht gefangen?“
„Ja.“
„Dann lass uns gehen.“
„Aber welche Wahrheit könnte ich dann erkennen? Wir würden weder allein sein, noch würde es beweisen, dass mein Dorf eine dunkle Aura umgibt.“
„Ich werde dich andere Wahrheiten lehren. ..und wir könnten zu zweit allein sein und eine neue Wahrheit entdecken.“
„Eine gemeinsame Wahrheit.“
„Ja, eine gemeinsame Wahrheit.“
„Ja. Lass uns gehen.“


Wer will, darf gerne interpretieren, was dieser "Tagtraum" aussagen könnte :D Meine Gedanken dazu behalte ich für mich. Aber ich würde gerne wissen, was für ein Bild vor eurem geistigen Auge entstand. Wer sind die beiden, wie sehen sie aus, wo befinden sie sich, von wem sprechen sie? Wie stellt ihr euch die Szene vor? Ah, ich platze vor Neugier und hoffe, irgendjemand mag etwas antworten :)

Alles Liebe,
Mimi.

Kommentare:

  1. Das sind wirklich gute Vorschläge! Das mit den letzten Überlebenden gefllt mir sehr, danke ;) The Tribe hab ich als Kind gerne geguckt :D
    Ich glaub ich nehm mir gleich mal mein Wörterbuch ;)
    Buch und FIlm wäre recht eintönig für 2011: Harry Potter und...achja Harry Potter :D Aber ich guck mal, was ich sonst noch gut fand^^

    Ich kenn das: Man wacht auf und ist völlig verwirrt, weil man eben noch an einem ganz anderen Ort war^^ Bei dem Dialog ist es manchmal doch etwas verwirrend, wer jetzt was sagt. Ich stell mir die Szenerie so vor: Der eine sitzt an einen Pfahl gefesselt in einem dunklen Zelt auf einer Lichtung. Um dieses Zelt herum stehen weitere Zelte: Ein Dorf. Vor dem Gefesselten steht eine weitere Person. Diese beiden diskutieren. Von der Kleidung her, denk ich mir was Steinzeitähnliches... So Lederbeinkleider und -wams... Kennst du die Buchreihe "Die Chroniken der dunklen Wälder"? Sehr gute Bücher. Das erinnert mich etwas daran^^

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  2. der dialog ist total schön :) klar, man weiß nicht genau was du geträumt hast und worauf sich das ganze beziht und was davor geschah und all das. aber ich seh das wie ein ausschnitt eines buches, bei dem man sich das ganze drum herum selbst ausdenken kann :) sehr sehr schöner text :)

    liebe grüße und ich wünsch dir ein tolles neues jahr :)

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